Bericht Dalia Donadio Werkbeitrag

Aargauer Zeitung 26. Mai 2015

Das Aargauer Kuratorium hat Werkbeiträge (je 20 000 Franken) bisher vor allem an etablierte Künstler vergeben. An Musiker und Musikerinnen, die schon einen gewissen Leistungsausweis vorweisen können. Im letzten Jahr war das zum Beispiel der in Berlin wohnhafte Freiämter Schlagersänger Dagobert, der in den deutschen Feuilletons gefeiert wird. Oder Sina, die Grande Dame des Schweizer Mundart-Pop. In diesem Jahr ist alles anders. Fünf der neun Prämierten - Dalia Donadio, Samuel Huwyler, Andrea Kirchhofer, Mario Hänni und Sebastion Bohren - sind noch keine 30 Jahre alt. Dazu kommt die Pianistin Nathalie Laesser Zweifel, die auch erst 32-jährig ist. «So etwas gab es noch nie», schwärmt Jürg Morgenegg vom Kuratorium. Dabei betont Jury-Präsident Markus J. Frey im Gespräch, dass kein Jugend-Bonus im Spiel war. «Wir betreiben keine Jugendförderung», sagt er. Einzig und allein die Qualität der Bewerbungen habe den Ausschlag gegeben. «Sie waren so gut, dass wir mehr gesprochen haben, als wir eigentlich vorhatten», sagt er. Auf der Karriereleiter schon am weitesten ist Geiger Sebastian Bohren (Jahrgang 1987). Er spielt die Stradivari «King George» aus dem Jahr 1710, die ihm die Stiftung Habisreutinger aufgrund seiner herausragenden Entwicklung anvertraut hat, und amtet am diesjährigen Boswiler Sommer als «Festival Artist». Er hat sich auf dem Gebiet des klassisch-romantischen Repertoires mit Werken Beethovens, Schumanns oder Mendelssohns wie auch als kundiger Interpret neuerer Werke bewährt. Die Jury ist von seiner «herausragenden Begabung» überzeugt und glaubt, dass eine «grosse Karriere vorgezeichnet ist».

Genres vermengen sich

Mit Ausnahme von Bohren ist keiner der jungen Musiker auf ein Genre fixiert und eine eindeutige stilistische Zuordnung fällt daher schwer. Am ausgeprägtesten ist diese Multistilistik bei der Violinistin Andrea Kirchhofer (Jahrgang 1985), die sich in den Welten zwischen Jazz, Volksmusik, Chanson und Klassik bewegt. Mit dem Quartett Zugluft widmet sie sich der «transeuropäischen experimentellen Volksmusik» und kombiniert die Geige vermehrt auch mit dem Gesang. In Jazz und Rock fühlt sich auch der Endinger Bassist Samuel Huwyler (Jahrgang 1988) wohl. Die Jury nennt ihn ein «Ausnahmetalent auf dem Bass», der bisher vor allem als Sideman gefragt war. Die Jury erkennt aber auch das Potenzial als Komponist und betrachtet ihren Beitrag als Ermutigung dazu. In einer ähnlichen Situation wie Huwyler befindet sich der vielbeschäftigte Schlagzeuger Mario Hänni (Jahrgang 1985). Der Wynentaler hat zuletzt in der innovativen Band von Pablo Nouvelle für Aufsehen gesorgt. Mit dem Soloprojekt Rio will der experimentierfreudige Musiker nun aber vermehrt eigene Wege gehen. Er hat dazu eine Vision alternativer Popsongs mit einer eigenständigen Klangästhetik.

Zustupf an neue Wege

Die interessantesten Musiker für Jürg Morgenegg vom Kuratorium sind Schlagzeuger Hänni und Dalia Donadio. Die Sängerin (Jahrgang 1987) aus der bekannten Badener Musikerfamilie Donadio hat bisher in Soul- und Pop-Projekten mitgewirkt, jetzt beschreitet sie verstärkt eigene und experimentellere Wege und lotet im Trio Poem Pot (mit dem Gitarristen Urs Müller und dem Bassisten Raphael Walser) die Wechselwirkungen von Klang, Sprache und englischer Poesie aus. Zwischen klassischer Musik und Improvisation bewegt sich die Zofinger Pianistin Nathalie Laesser Zweifel. Neben ihrer Arbeit als Pädagogin an der Alten Kanti Aarau verfolgt sie eine rege internationale Konzerttätigkeit, die sie bis in die Carnegie Hall in New York gebracht hat. Jetzt will sie sich vermehrt auch kompositorisch betätigen. Ursache liegt in der Ausbildung Morgenegg wie Frey sehen die Gründe für diese erfreuliche Entwicklung in der aktuellen positiven Ausbildungssituation in der Schweiz. Die Musikstudenten können schon in der Musikhochschule ihr Netzwerk über Genregrenzen hinweg bilden. Das fördert interstilistische und interdisziplinäre Projekte mit interessanten eigenen Ansätzen.

az werkjahr Raphael Walser - Double Bass